Welche Säuglingsnahrung? Pre, 1er & HA im Überblick
Welche Säuglingsnahrung? Pre, 1er & HA im Überblick
Was die Stufen unterscheidet und was offizielle Quellen aktuell empfehlen
Säuglingsnahrung ist die einzige sichere Alternative oder Ergänzung zur Muttermilch im ersten Lebensjahr. Im Handel findest du verschiedene Stufen: Pre-Nahrung, 1er-Nahrung, HA-Nahrung und Folgenahrung. Welche Stufe wann sinnvoll ist und was sich 2024 bei der Empfehlung zur HA-Nahrung geändert hat – hier findest du den Überblick auf Basis offizieller Empfehlungen des Netzwerks „Gesund ins Leben” (Bundeszentrum für Ernährung) und der WHO.
Die wichtigste Antwort vorab
Pre- und 1er-Nahrung sind beide laut Netzwerk „Gesund ins Leben” für das gesamte erste Lebensjahr geeignet. Ein Wechsel auf 1er- oder Folgenahrung ist nicht notwendig. Die Empfehlung zur HA-Nahrung wurde 2024 deutlich abgeschwächt. Bei Fragen zur Auswahl wende dich an deine Hebamme oder Kinderärztin.
Inhalt
- Säuglingsnahrung – wie sie gesetzlich geregelt ist
- Pre-Nahrung: Was sie ist und für wen sie geeignet ist
- 1er-Nahrung: Wie sie sich von Pre unterscheidet
- HA-Nahrung – die Empfehlung hat sich 2024 geändert
- Folgenahrung (2er, 3er) – ist ein Wechsel notwendig?
- Spezialnahrungen: AR, Comfort, Soja & Ziegenmilch
- Pro- und Präbiotika in Säuglingsnahrung
- Was bei Säuglingsnahrung nicht erlaubt ist
- Häufige Fragen
Säuglingsnahrung – wie sie gesetzlich geregelt ist
Die Zusammensetzung von Säuglingsnahrung ist innerhalb der EU einheitlich gesetzlich geregelt – durch die Delegierte Verordnung (EU) 2016/127. Hersteller müssen sich an strenge Vorgaben halten: zur Nährstoffzusammensetzung, zu Reinheitskriterien, zu mikrobiologischen Anforderungen und zu Pflanzenschutzmittel-Höchstwerten.
Es gibt zwei grundsätzliche Typen von Flaschennahrung für Säuglinge:
- Säuglingsanfangsnahrung (Pre und 1) – als alleinige Nahrung in den ersten Monaten geeignet
- Folgenahrung (2 und 3) – frühestens ab Beginn der Beikostfütterung
„Wenn nicht oder nicht ausschließlich gestillt wird, soll das Baby eine nach den gesetzlichen Regelungen hergestellte Säuglingsanfangsnahrung erhalten.”
— Netzwerk Gesund ins Leben (Bundeszentrum für Ernährung)
Säuglingsnahrungen können auf Basis von Kuhmilcheiweiß, Ziegenmilcheiweiß oder Sojaproteinisolaten hergestellt sein. Nur Produkte mit intaktem Kuh- oder Ziegenmilcheiweiß dürfen laut EU-Recht als „Säuglingsmilchnahrung” bezeichnet werden.
Pre-Nahrung: Was sie ist und für wen sie geeignet ist
Pre-Nahrung ist eine Säuglingsanfangsnahrung. Sie enthält als einziges verdauliches Kohlenhydrat Laktose (Milchzucker) – genau wie Muttermilch. In der Konsistenz ist sie dünnflüssig.
Pre-Nahrung im Überblick
- Geeignet ab: Geburt
- Geeignet bis: Ende des ersten Lebensjahres
- Kohlenhydrate: ausschließlich Laktose
- Konsistenz: dünnflüssig
- Fütterung: nach Bedarf, ähnlich wie beim Stillen
„Säuglingsanfangsnahrungen (Pre- oder 1-Nahrungen) sind zur Fütterung von Geburt an und für das gesamte 1. Lebensjahr geeignet.”
— Netzwerk Gesund ins Leben
1er-Nahrung: Wie sie sich von Pre unterscheidet
1er-Nahrung ist – wie Pre – eine Säuglingsanfangsnahrung. Der Unterschied liegt in der Zusammensetzung: 1er-Nahrung kann zusätzlich zur Laktose auch geringe Mengen Stärke enthalten. Dadurch ist sie dickflüssiger und sättigt teilweise länger.
Pre vs. 1er – die Unterschiede
- Kohlenhydrate Pre: nur Laktose
- Kohlenhydrate 1er: Laktose plus geringe Mengen Stärke
- Konsistenz Pre: dünnflüssig
- Konsistenz 1er: dickflüssiger
- Eignung beider: von Geburt an, fürs gesamte erste Lebensjahr
Was offizielle Quellen sagen
Laut Netzwerk „Gesund ins Leben” sind Pre- und 1er-Nahrung gleichwertig und können beide während des gesamten ersten Lebensjahres gefüttert werden. Es gibt keine offizielle Empfehlung, von Pre auf 1er zu wechseln.
HA-Nahrung – die Empfehlung hat sich 2024 geändert
Empfehlung zur HA-Nahrung wurde aktualisiert
Bis 2024 wurde HA-Nahrung (hypoallergene Säuglingsanfangsnahrung) aktiv für Babys mit erhöhtem Allergierisiko empfohlen. Mit der Teilaktualisierung der Handlungsempfehlungen vom Juli 2024 wurde diese pauschale Empfehlung aufgegeben.
Aktueller Stand (Stand 06/2024): Es gibt derzeit keine HA-Nahrung mit von der EFSA bestätigtem Wirksamkeitsnachweis zur Allergieprävention. Eine Empfehlung für oder gegen eine bestimmte HA-Nahrung kann daher zum Zweck der Allergievorbeugung nicht ausgesprochen werden.
Was HA-Nahrung ist
Bei HA-Nahrung („HA” steht heute meist für „Hydrolysierte Anfangsnahrung“, früher für „hypoallergen”) ist das Kuhmilcheiweiß teilweise aufgespalten (hydrolysiert). Die Idee dahinter: Das gespaltene Eiweiß soll weniger allergen wirken.
Was offizielle Quellen aktuell empfehlen
Die S3-Leitlinie zur Allergieprävention 2022 (gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie sowie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin) empfiehlt: Wenn ein Baby ein erhöhtes Allergierisiko hat und nicht ausschließlich gestillt wird, sollte geprüft werden, ob eine Säuglingsanfangsnahrung mit in Studien nachgewiesener allergiepräventiver Wirksamkeit verfügbar ist.
„Ist keine Säuglingsanfangsnahrung mit einem von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bestätigten Wirksamkeitsnachweis verfügbar, kann keine Empfehlung für oder gegen eine bestimmte Säuglingsanfangsnahrung zum Zweck der Allergieprävention gegeben werden.”
— Netzwerk Gesund ins Leben, Teilaktualisierung Juli 2024
Wann besteht ein erhöhtes Allergierisiko?
Ein erhöhtes Allergierisiko liegt laut S3-Leitlinie vor, wenn mindestens ein Elternteil oder Geschwisterkind eine atopische Erkrankung hat – also Asthma bronchiale, allergische Rhinitis (Heuschnupfen), atopische Dermatitis (Neurodermitis) oder eine Nahrungsmittelallergie.
Wichtig für Eltern
Wenn in deiner Familie Allergien vorkommen und du nicht oder nicht ausschließlich stillst, besprich die Wahl der Säuglingsnahrung am besten mit deiner Kinderärztin oder Kinderarzt. Die individuelle Situation kann sich von der allgemeinen Empfehlung unterscheiden.
Folgenahrung (2er, 3er) – ist ein Wechsel notwendig?
Folgenahrung wird mit den Zahlen „2″ (ab dem 6. Monat beworben) und „3″ (ab dem 10. Monat beworben) gekennzeichnet. Sie hat eine ähnliche Zusammensetzung wie Säuglingsanfangsnahrung, weist aber meist einen höheren Eisengehalt auf.
„Säuglingsanfangsnahrungen können mit der Einführung der Beikost durch Folgenahrung ersetzt werden, die in der Regel mit ‚2′ gekennzeichnet ist. Ein Wechsel auf Folgenahrung ist nicht notwendig.”
— Netzwerk Gesund ins Leben
Kritik an der Werbung für Folgenahrung
Die Werbebeschränkungen für Säuglingsanfangsnahrung sind in der EU strikt geregelt. Für Folgenahrung gelten weniger strenge Werberegeln – obwohl sich die Produkte oft kaum unterscheiden und gleich aussehen.
„Die DGKJ spricht sich dafür aus, die für Säuglingsanfangsnahrung geltenden Werbebeschränkungen auch auf Folgenahrung anzuwenden.”
— Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), zitiert nach Gesund ins Leben
Spezialnahrungen: AR, Comfort, Soja & Ziegenmilch
Im Handel gibt es verschiedene Spezialnahrungen, die für bestimmte Situationen entwickelt wurden. Diese sollten ausschließlich nach Rücksprache mit einer Kinder- und Jugendärztin/einem Kinder- und Jugendarzt verwendet werden.
AR-Nahrung (Anti-Reflux)
AR-Nahrungen enthalten Andickungsmittel (etwa Johannisbrotkernmehl) und werden bei Babys mit häufigem Spucken eingesetzt. Sie sollten nur nach kinderärztlicher Empfehlung gegeben werden.
Comfort-Nahrung
Bei Verdauungsproblemen werben Hersteller mit „Comfort”-Nahrungen. Auch hier gilt: Vor dem Wechsel mit der Kinderärztin sprechen.
Soja-basierte Nahrung
Säuglingsnahrungen auf Basis von Sojaproteinisolaten enthalten Phytoöstrogene (natürliche Inhaltsstoffe mit hormoneller Aktivität).
„[Soja-Nahrungen] sollten u. a. aufgrund ihres hohen Gehalts an Phytoöstrogenen nur nach begründeter Indikation und Rücksprache mit der Kinder- und Jugendärztin/dem Kinder- und Jugendarzt verwendet werden.”
— Netzwerk Gesund ins Leben
Ziegenmilch-basierte Nahrung
Auch Ziegenmilch-basierte Säuglingsanfangsnahrungen sind in der EU zugelassen, sofern sie die gesetzlichen Anforderungen der Verordnung 2016/127 erfüllen. Für die Allergieprävention bietet sie laut S3-Leitlinie keinen belegten Vorteil.
Tiermilchen und Pflanzendrinks sind keine Alternativen
Tiermilchen wie Stutenmilch, Schafmilch, Ziegenmilch (pur, nicht als zugelassene Säuglingsnahrung) sowie pflanzenbasierte Getränke (Hafer, Mandel, Soja als Drink) eignen sich laut Netzwerk „Gesund ins Leben” und S3-Leitlinie nicht als Muttermilchersatz und nicht zur Allergievorbeugung.
Pro- und Präbiotika in Säuglingsnahrung
Viele Hersteller werben mit dem Zusatz von Probiotika (lebensfähige Bakterienstämme wie Laktobazillen oder Bifidobakterien) oder Präbiotika (einfache Oligosaccharide). Diese sollen die Darmflora unterstützen oder „muttermilchähnliche” Effekte erzielen.
Was offizielle Quellen sagen
„Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen, die mit ‚Pro- oder Präbiotika’ angereichert sind, haben nach derzeitigem Kenntnisstand für gesunde Säuglinge keinen sicher nachgewiesenen Vorteil.”
— Netzwerk Gesund ins Leben
HMOs (Humanmilch-Oligosaccharide)
Muttermilch enthält über 100 unterschiedliche komplexe Kohlenhydrate. Säuglingsnahrungen können einzelne, einfacher gebaute Oligosaccharide enthalten – diese sind aber nicht identisch mit den HMOs in Muttermilch. Auch hier ist laut Netzwerk „Gesund ins Leben” kein klarer gesundheitlicher Vorteil belegt.
Was bei Säuglingsnahrung nicht erlaubt ist
Säuglingsnahrung niemals selbst herstellen
Das Netzwerk „Gesund ins Leben” rät ausdrücklich davon ab, Flaschennahrung selbst zu mischen. Selbstgemachte Mischungen (etwa aus Kuhmilch oder Pflanzendrinks) decken den Nährstoffbedarf eines Säuglings nicht ab und können zu schweren Mangelerscheinungen führen.
Diese Produkte sind keine Säuglingsnahrung
- Kuhmilch: nicht als Hauptnahrung im 1. Lebensjahr
- Pflanzendrinks: Hafer-, Mandel-, Reis-, Sojadrink etc. ersetzen keine Säuglingsnahrung
- Tiermilchen: Stutenmilch, Schafmilch, Ziegenmilch (pur, nicht als zugelassene Säuglingsnahrung)
- Selbstgemachte Mischungen
Bei Unsicherheit immer fachlich beraten lassen
Wenn du dir unsicher bist, welche Säuglingsnahrung passt, oder wenn dein Baby besondere Bedürfnisse hat (Frühgeborenes, Allergierisiko, Verdauungsprobleme), wende dich an deine Hebamme oder Kinder- und Jugendärztin. Sie kennen die individuelle Situation deines Babys.
Häufige Fragen zu Säuglingsnahrung
Ist Pre-Nahrung besser als 1er-Nahrung?
Laut Netzwerk „Gesund ins Leben” sind sowohl Pre- als auch 1er-Nahrung von Geburt an und für das gesamte erste Lebensjahr geeignet. Beide sind als Säuglingsanfangsnahrung gleichwertig. Pre-Nahrung enthält als einziges Kohlenhydrat Laktose (wie Muttermilch), 1er-Nahrung kann zusätzlich geringe Mengen Stärke enthalten.
Wann sollte ich auf 1er-Nahrung wechseln?
Ein Wechsel von Pre- auf 1er-Nahrung ist laut Netzwerk „Gesund ins Leben” nicht notwendig. Beide Stufen können während des gesamten ersten Lebensjahres gefüttert werden. Wenn du unsicher bist, wende dich an deine Hebamme oder Kinderärztin.
Brauchen Babys mit Allergierisiko HA-Nahrung?
Die Empfehlung zur HA-Nahrung wurde im Juli 2024 vom Netzwerk „Gesund ins Leben” aktualisiert. Eine generelle Empfehlung für HA-Nahrung wird nicht mehr ausgesprochen. Empfohlen wird zu prüfen, ob eine Säuglingsanfangsnahrung mit von der EFSA bestätigter allergiepräventiver Wirksamkeit verfügbar ist – aktuell (Stand 06/2024) ist das bei keiner HA-Nahrung der Fall.
Ist Folgenahrung (2er, 3er) notwendig?
Laut Netzwerk „Gesund ins Leben” ist ein Wechsel auf Folgenahrung nicht notwendig. Pre- und 1er-Nahrung können das gesamte erste Lebensjahr lang gegeben werden. Folgenahrung wird vom Hersteller mit der Beikosteinführung beworben, ist aber kein Muss.
Darf ich Säuglingsnahrung selbst zubereiten?
Nein. Das Netzwerk „Gesund ins Leben” rät ausdrücklich davon ab, Flaschennahrung selbst herzustellen. Auch Kuhmilch, Ziegenmilch, Stutenmilch oder Pflanzendrinks (Hafer, Mandel, Soja) eignen sich nicht als Muttermilchersatz für Säuglinge unter 12 Monaten und können zu Mangelerscheinungen führen.